Gut ein Jahr nach der Kommunalwahl 2025 hat der Lions Club Kerpen am 7. Oktober 2026 auf Schloss Loersfeld zum Faktencheck eingeladen: Vertreterinnen und Vertreter von fünf Fraktionen des Stadtrats zogen Bilanz, was seit der Wahl umgesetzt wurde und was offen geblieben ist. In kurzen Statements, zehn vorbereiteten Fragen und Fragen aus dem Publikum ging es um Gewerbeflächen, Wohnungsbau, Bäder, Schulen, Finanzen und Sauberkeit.
Podium und Ablauf
Lions-Präsident Olaf Siefken begrüßte die Gäste im Saal und im Livestream. Er stellte den Club vor, dessen Motto "We serve" lautet und dessen 35 Kerpener Mitglieder sich ehrenamtlich für Menschen, Vereine und Projekte vor Ort engagieren. Der Lions Club sei politisch neutral, betonte er, und die Fragen des Abends seien neutral und anonym vorbereitet worden. Die Veranstaltung knüpfte an die Diskussion mit den Bürgermeisterkandidatinnen und -kandidaten im Vorjahr an.
Auf dem Podium saßen Annika Effertz (Die Grünen, Fraktionsvorsitzende), Rébecca Neumann (UWG, Fraktion BBK/UWG), Andreas Nagel (SPD, stellvertretender Fraktionsvorsitzender), Ralph F. Löhr (CDU) und Sascha Hümmer (AfD, Fraktionsvorsitzender). Dr. Dieter Stöhr moderierte und verwies auf die Idee des offenen Diskurses von Jürgen Habermas: Politik lebe davon, dass man sich auseinandersetzt und das Gegenüber dennoch gelten lässt.
Der Abend hatte drei Teile. Zuerst zogen alle fünf in je drei Minuten Bilanz. Danach beantworteten jeweils zwei per Zufallsgenerator bestimmte Fraktionen zehn vorbereitete Fragen. Im letzten Drittel kamen schriftliche Fragen aus dem Publikum an die Reihe. Alle fünf hielten ihre Redezeit ein, was der Moderator ausdrücklich lobte.
Bilanz der Fraktionen
- SPD (Andreas Nagel): Ein Jahr habe weder alles verändert noch alles gleich gelassen. Positiv nannte er die Taskforce, die das Standesamt wieder in Gang gebracht habe, die Investitionen in Bildung (dritte Grundschule in Sindorf, Europa-Gymnasium) und die stabile Grundsteuer. Mehr Tempo wolle er beim Wohnungsbau, bei einer verlässlichen Verwaltung und in den Innenstädten.
- CDU (Ralph F. Löhr): Seine Kurzvorstellung und sein Eingangsstatement sind in der Aufzeichnung aus technischen Gründen nicht zu hören.
- AfD (Sascha Hümmer): Mit neun statt zuvor zwei Ratsmitgliedern sei seine Fraktion jetzt drittstärkste Kraft, was mehr Stimmkraft, aber auch mehr Verantwortung bedeute. Unzufrieden sei er bei Finanzen und Haushalt. Gemeinsam gelte es, "Kerpen zu packen".
- Die Grünen (Annika Effertz): Sie nannte drei Punkte: keine weitere Erhöhung der Grundsteuer B im Haushalt 2026, einen besseren fraktionsübergreifenden Umgang im Rat und nach ihrer Einschätzung den grünsten Haushalt, den Kerpen je hatte, finanziert unter Nutzung großer Förderprogramme.
- BBK/UWG (Rébecca Neumann): Die Fraktion besteht aus zwei Gruppierungen und arbeitet nach ihren Worten sachlich zusammen. Bei der Erftlagune habe man mit CDU und Grünen einen Kompromiss gefunden. Kritisch sagte sie, der Rat müsse schneller werden, weil die Gewerbesteuer die Stadt auf Dauer nicht mehr retten werde. Durchgesetzt habe man den Verzicht auf Fraktionsbüro und Fraktionssekretärin.
Gewerbe, Wohnen und Innenstadt
Andreas Nagel (SPD) erklärte, die Gewerbeflächen seien auch durch Vorgaben des Landes begrenzt. In Kerpen-Süd sei eine Sondergewerbefläche in Planung. Das größere Problem seien die Stromnetze: Anmeldungen bis 2045 lasteten die Kapazitäten der Netzbetreiber schon heute aus. Sascha Hümmer (AfD) stimmte zu und nannte beim Wohnungsbau Projekte wie die ehemalige Glashütte. Er kritisierte die beschlossene klimafreundliche Bauleitplanung, die privates Bauen verteuere. Die AfD habe dagegen gestimmt.
Beim neuen Lidl im Ortsteil Kerpen wollte sich Hümmer auf kein Öffnungsdatum festlegen. Annika Effertz (Die Grünen) sagte, ihre Fraktion hätte sich dort Wohnbebauung und eine Parklösung gewünscht, habe aber zugestimmt, weil der Leerstand in der Hahnenpassage nicht weitergehen dürfe. Sie hoffe auf einen Baubeginn im nächsten Jahr.
Zu den Leerständen berichtete Rébecca Neumann (BBK/UWG), Mietzuschüsse für Gewerbe hätten keine Interessenten gebracht. Sie regte an, leere Geschäfte zu Wohnungen umzuwidmen. Ralph F. Löhr (CDU) verwies auf den Arbeitskreis Kerpen Innenstadt, der sich auf den Bereich bis zum Stiftsplatz konzentriere, und auf drei Abrisshäuser an der Hahnenstraße, wo nach seinen Angaben 37 Wohnungen entstehen sollen.
Bildung und Bäder
Bei den Schwimmbädern sagte Effertz, der Sanierungsstau sei weniger gravierend als zunächst befürchtet. Ein runder Tisch Bäder suche eine finanzierbare Lösung, die Erftlagune solle zügig wieder in Betrieb gehen. Die Schulen hätten derzeit mehr Badezeiten für den Schwimmunterricht. Löhr bestätigte das und fügte hinzu, die zusätzlichen Zeiten für Kinder und Schulen hätten zugleich Personalkosten gesenkt.
Beim Neubau des Europa-Gymnasiums zitierte die Frage Presseberichte, nach denen die Kosten von zunächst 90 auf 213 Millionen Euro gestiegen seien. Die Zahl stammt aus der Frage, nicht aus einer Angabe der Stadt. Löhr meinte, die 90 Millionen hätten sich nach seinem Kenntnisstand nur auf den Gebäudeteil bezogen, nicht auf Schulhöfe und Sportstätten. Nagel nannte das Projekt die größte finanzielle Herausforderung, die die Stadt je gestemmt habe. Er sei froh, dass der Spatenstich erfolgt und der Bau in diesem Jahr gestartet sei.
Rathaus und Finanzen
Bei der Digitalisierung forderte Neumann, zuerst die Verwaltungsprozesse zu beschreiben. Ohne das gebe es keine Digitalisierung, und bisher sei dabei wenig passiert. Nagel stimmte zu und wünschte sich, dass bis 2030 einzelne Abteilungen digitalisiert und mit KI verknüpft sind.
Zum hohen Krankenstand im Rathaus kündigte Löhr eine Arbeitsgruppe der CDU-Fraktion an, die zuerst die Ursachen untersuchen und in den kommenden Monaten Vorschläge machen wolle. Hümmer erinnerte an die Idee eines mobilen Einsatzteams, die aus Kostengründen zurückgestellt worden sei.
Bei der Grundsteuer B wollten mehrere Rednerinnen und Redner eine künftige Erhöhung nicht ausschließen. Nagel sagte, wer das verspreche, sei unseriös, wies aber darauf hin, dass die Grundsteuer in Kerpen im Gegensatz zu Frechen und Erftstadt stabil geblieben sei. Effertz sah die Lösung bei einer neuen Kommunalfinanzierung auf Landesebene. Hümmer hält ein Haushaltssicherungskonzept für nicht vermeidbar. Neumann sorgt sich mehr vor Überschuldung und einem Sparkommissar. Effertz nannte als gemeinsames Ziel, den nächsten Haushalt schon im Dezember zu verabschieden.
Sauberkeit und Sicherheit
Effertz erinnerte daran, dass die Polizei Landessache ist und das Ordnungsamt chronisch unterbesetzt sei. Das Sicherheitsgefühl sei subjektiv, Kerpen insgesamt eine sichere Kommune. Beim Bahnhof Horrem liege die Zuständigkeit bei der Deutschen Bahn. Neumann ergänzte, Kerpen stehe in der Kriminalstatistik im Rhein-Erft-Kreis gut da, die beantragte Umfrage zu unsicheren Orten müsse nun ausgewertet werden.
In der Schlussrunde zum Thema Müll nannte Löhr einen geplanten Antrag der CDU auf einen Ausschuss für Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit sowie konsequentere Bußgelder. Hümmer sagte, die AfD habe einen solchen Ausschuss schon zu Beginn der Wahlperiode gefordert. Effertz brachte eine Prüfung der Verpackungssteuer ins Gespräch. Nagel setzte auf bürgerschaftliches Engagement und mehr Ordnungsamt im Außendienst.
Fragen aus dem Publikum
Das Organisationsteam bündelte die schriftlichen Fragen aus dem Saal und gab sie an den Moderator weiter. Ein Auszug:
- Bezahlbarer Wohnraum: Effertz verwies auf die Quote von 38 Prozent sozialem Wohnungsbau bei Neubauten, die die Verwaltung überwachen müsse, und auf den Bauturbo. Nagel berichtete von Leitlinien, die der Rat dafür erarbeitet hat. Löhr sah darin eine Chance zum Bürokratieabbau.
- Flüchtlingsunterkunft: Neumann und Löhr betonten, die Entscheidung liege beim Land, die Verträge seien unterschrieben. Hümmer sagte, die AfD habe zugestimmt, weil die Stadt dadurch entlastet werde.
- Parken: Effertz sagte, die Stadt tue derzeit wenig, weil viele Flächen privat seien, und plädierte für neue Verkehrskonzepte. Hümmer hielt dagegen, vorhandene Parkplätze müssten erhalten bleiben.
- Klima: Effertz sprach von Klimaanpassung statt Klimaschutz, etwa größeren Baumscheiben über Förderprogramme. Nagel wies auf das neu aufgelegte Förderprogramm für Wandbegrünung hin, Neumann auf Schottergärten.
- Landesgartenschau 2032: Nagel und Effertz sprachen sich dafür aus, Effertz mit Verweis auf eine kostenneutrale Machbarkeitsstudie. Löhr wollte die Kosten genau prüfen.
- Jugend: Neumann und Nagel plädierten für echte Jugendbeteiligung. Nagel nannte einen Pumptrack, der mit Strukturwandelmitteln beschlossen sei.
- Tagebau und See: Hümmer hielt es für falsch, die Braunkohle unter Wasser zu setzen. Effertz nannte den See einen Planungsfehler, der nun komme, und bezweifelte, dass er sich in 40 Jahren füllen lasse.
- Altes Gymnasium: Neumann sagte, entschieden sei noch nichts. Hümmer wollte es verkaufen, Löhr als Reserve behalten.
- Runder Tisch gegen Müll: Aus dem Publikum kam die Kritik, dass der runde Tisch mehrfach verschoben wurde. Neumann sagte zu, politisch nachzufassen und Druck auf Verwaltung und Bürgermeister auszuüben.
Fazit
Lions-Präsident Olaf Siefken zog ein positives Fazit. Zu vielen Fragen habe es nahe, zu anderen kontroverse Positionen gegeben. Was sich im vergangenen Jahr verändert habe, sei das Miteinander: Die Fraktionen diskutierten konstruktiv und fländen auch nach Streit wieder zueinander. Annika Effertz ergänzte, Streiten sei gut, wenn der Ton stimme und man sich danach noch zusammensetzen könne. Rébecca Neumann meinte, im Rat falle vieles einstimmig, der Streit sei seltener, als man denke.
Siefken bedankte sich bei den Gästen aus dem Stadtrat, beim Publikum, beim Organisationsteam, beim Moderator Dr. Dieter Stöhr und beim Technikteam. Eine Stadt gestalte sich nicht nur durch die Politik, sondern durch alle, die in ihr leben, sagte er. Weitere Veranstaltungen des Lions Club zum gesellschaftlichen und politischen Dialog sind angekündigt.
Die Aufzeichnung der Podiumsdiskussion ist auf YouTube abrufbar.
Zu Ralph F. Löhrs Kurzvorstellung und seinem Eingangsstatement fehlt dort aus technischen Gründen der Mikrofonton.


